Geschenke aussortieren – eine moralische Unterstützung

Jeder bekommt ab und zu Geschenke, die so gar nicht den persönlichen Geschmack treffen oder nicht gebraucht werden können. Während solche Gegenstände normalerweise längst aussortiert wären, schrecken viele Menschen jedoch zurück, wenn es sich dabei um eine Geschenkgabe handelt. Es gilt in unserer Kultur als unhöflich ein Geschenk abzulehnen, es weiterzugeben oder auf andere Weise loszuwerden. Man befürchtet, vom Schenker darauf angesprochen zu werden, dass es fehlt.

Wenn es aber wirklich keinen Grund dafür gibt, den Gegenstand zu behalten, dann sollte diese Angst einen nicht zurückhalten.

Leider weiß ich nicht mehr, wo ich es zuerst gelesen habe, aber mich hat diese Argumentation sehr überzeugt:

Das Geschenk hatte den Sinn, im Moment des Schenkens Freude zu bereiten. Tut es das nicht mehr, dann hat es seine Aufgabe in der Vergangenheit erfüllt, aber sollte nun für die kommende Zeit einen neuen Besitzer finden, dem es Freude spendet. Der Schenker wollte mit Sicherheit nicht, dass sein Geschenk bei dir ein unangenehmes Pflichtgefühl, eine Belastung auslöst. Er wollte sicher nicht, dass der Gegenstand in deinem Zuhause einstaubt und Platz wegnimmt und nur der Höflichkeit halber behalten wird. Er möchte doch auch, dass du glücklich bist und hat diesmal eben danebengegriffen.

Und übrigens: Den Leuten fällt es generell nicht auf, dass ihr Geschenk nicht mehr da ist. Es könnte ja auch irgendwo verstaut sein. Und selbst wenn sie fragen – dann muss man eben einmal mutig sein und schonend formulieren, dass man sich sehr über die Geste gefreut hat, den Inhalt jedoch nicht braucht und jemand anderem damit eher geholfen wäre. So vermeidet man es auch, in Zukunft weitere ’schlechte‘ Geschenke zu bekommen.

Wenn man etwas gerne in Erinnerung behalten möchte, aber das Geschenk selbst nicht gebrauchen kann und nicht haben will, kann man z.B. auch ein Foto davon machen, manchen Leuten hilft das, weil es sich genau so anfühlt, als würde man es noch ‚haben‘, nur ohne den materiellen Ballast.

Was soll ich behalten? Wie soll ich aussortieren? Kleidung.

Am Anfang fällt das Aussortieren am leichtesten, da merkt man sofort, welche Teile man eigentlich loswerden will.

Dann gibt es da aber auch noch Härtefälle, die sich nicht von allein minimalisieren. Heute möchte ich diejenigen Fragen schriftlich festhalten, die ich mir stelle, wenn ich bei einem Kleidungsstück nicht so recht weiter weiß. Vielleicht helfen diese Fragen ja auch anderen beim Aussortieren.

  1. Passt es mir gut? Ganz wichtig! Denn etwas, das nicht richtig sitzt, wirst du – egal wie toll es aussieht – nicht gern anziehen. Lasse es anpassen/ändern oder reparieren. Wenn du das nicht tust, dann kommt es weg!
  2. Fühle ich mich wohl darin?
  3. Für Alltagsstücke: Werde ich das nochmal tragen? Sei ehrlich zu dir. Modetrends kommen und gehen, einige behält man bei. Aber grade bei solchen Teilen kann es vorkommen, dass man sie z.B. nur einen Sommer trägt und sich im nächsten damit doof vorkommen würde. Weg damit und in Zukunft zeitlosere Kleidung kaufen.
  4. Für besondere Stücke: Zu wie vielen Anlässen kann ich das Kleidungsstück anziehen? Sei ehrlich – ziehst du dein altes Abiballkleid nochmal an? Und wenn die Antwort lautet „Aber es hat hundert Euro gekostet!“ – siehe Punkt 8.
  5. Mit wie vielen anderen Kleidungsstücken kann ich es kombinieren? Natürlich gibt es einpaar besondere Kleidungsstücke, die hervorstechen und nicht leicht in den Alltag zu integrieren sind. Minimalismus muss eben auch nicht schwarz-weiße Basics bedeuten. Aber wenn deine Gaderobe aus Teilen besteht, die sehr eigenwillig und unkooperativ sind, ist das schlecht, vor allem für Reisen, wo man flexibel und leicht unterwegs sein möchte.
  6. Wann habe ich es das letzte mal getragen? Das Todesurteil für viele Kleidungsstücke. Ich hatte mal ein T-Shirt, das ich zuletzt vor 4 Jahren getragen hatte. Jetzt ist es aussortiert und das ist auch gut so.
  7. Würde ich dieses Kleidungsstück vermissen? Wenn du das nicht gleich beantworten kannst – leg es doch schonmal eine Weile in eine Tüte für den Secondhand-Laden o.ä. und überlege nach einigen Wochen, ob du an das Kleidungsstück gedacht hast und es anziehen wolltest.
  8. Hätte jemand anders mehr Freude daran? Dieses Kleid, das bei dir nicht richtig sitzt und eigentlich ganz schön ist – wäre es nicht toll, wenn es jemand bekommt, der es ganz oft tragen würde?
  9. Hält mich nur die Illusion von Geldverlust davon ab, das Kleidungsstück weiterzuverkaufen oder zu spenden? Oft scheut man davor zurück, etwas wegzugeben, weil man doch soundsoviel Geld dafür ausgegeben hat und den Gegenstand noch gar nicht richtig benutzt hat. Das ist kein gutes Gefühl. Aber eine Lehre. In Zukunft wirst du mit deinem Geld sorgsamer umgehen, damit dir das nicht nochmal passiert. Es macht es nicht besser, wenn du das Kleidungsstück nur wegen seines einstigen finanziellen Wertes behältst, aber nicht benutzt.
  10. Besteht es aus guten Materialien, die sich angenehm anfühlen, pflegeleicht und robust sind? Weg mit dieser Bluse, die jedes Mal die Haare elektrisch auflädt, weg mit dem Rock, den man stundenlang bügeln muss, damit er einmal gut aussieht (außer seine sonstigen Qualitäten rechtfertigen den Aufwand)…
  11. Würde ich dieses Teil nochmal kaufen, wenn ich jetzt an diesen Punkt in der Vergangenheit zurückreisen würde?

Hier könnt ihr nachlesen, WO ihr eure aussortierte Kleidung am besten loswerdet.

Noch eine lustige Denkfigur von mir:

Bei einigen meiner Lieblingsstücke überschlage ich gern, wie viel Geld ich für jeden Tag, den ich es getragen habe, gezählt hätte.
Beispiel: Ein Paar Schuhe hat 100€ gekostet. Es hat sich gelohnt, weil ich sie ungefähr so oft anhatte, dass ich jeden Tag 50 Cent bezahlt hätte, um diese Schuhe zu tragen. So sieht man, dass hochwertige Sachen sich manchmal lohnen. Billige Schuhe, die mir nicht richtig gefallen, hätten vielleicht nur 30€ gekostet. Dafür hätte ich sie auch nur 10x angezogen und hätte also jedes Mal 3€ bezahlt, um sie zu tragen.

Habt ihr auch manchmal so verrückte, aber interessante Gedanken? ;)